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„Scheiße“, das erste Wort, was ihr an diesem
Morgen wieder mal durch den Kopf geht. Und während sie noch darüber
nachdenkt, ob sie schreien, heulen oder besser gar nichts tun soll, quält
sie sich aus dem Bett. In ihrem Bauch scheinen große Bohrhämmer
aufmarschiert zu sein. „Ob es in dieser Situation wohl angenehmer ist,
wenn mir jemand mit Nadeln da rein sticht ?“ Und dann muss sie lachen
„Masochistisch veranlagt sagt man wohl dazu.“ Aber das Lachen ist
wohl doch eher nur ein schmerzverzerrtes Grinsen. Noch in Gedanken zieht
sie die Gardinen auf. „Auch nicht gerade das, was mir die Laune
verbessert“, denkt sie missmutig. „Gestern noch trampelte ein großer
Batzen Sonne um diese Uhrzeit hier rein, als wolle er mir unter die Nase
reiben, dass Staub wischen nicht gerade zu meinen Stärken zählt. Und
heute .. heute kotzt sich der Himmel aus.“ Und dann spürt sie wieder
diesen Schmerz. Es sticht, bohrt, hämmert, krampft in ihrem Bauch.
„Wie ich diese Tage hasse.“ Ein glücklicher Umstand scheint nur die
Tatsache zu sein, dass sie heute nicht sofort unter die Dusche rennen
und in ihre Klamotten springen muss, um den Bus, den letztmöglichen vor
dem unvermeidlichen Zuspätkommen, zu erreichen. Heute müsste sie nicht
einmal um diese Zeit hier am Fenster stehen und durch die grauen
Scheiben in diesen Tag starren. Sie muss überhaupt nichts tun, nur bis
mindestens Nachmittag zu schlafen hatte sie sich vorgenommen. Aber das
schien angesichts des Überfallkommandos in ihrem Bauch schier unmöglich.
Im Bad sucht sie schließlich nach einem dieser glücklich und
„schmerzfrei in Minuten machenden“ kleinen Bonbons oder Wunder. Sie
hasst das Wort „Tabletten“. Tabletten klingt nach Arzt und
Krankenhaus. Wenn sie das jetzt riechen würde, könnte sie es dem
Himmel an diesem Morgen gleichtun.
Das letzte kleine weiße Wunder ging natürlich im vorigen Monat drauf.
Wie könnte es auch anders sein. Wieder mal vergessen, sich neue zu
besorgen. Entnervt starrt sie auf ihren Bauch. Von außen scheint alles
wie immer. Es ist auch alles wie immer. Nur, tief drinnen ist heute der
zweite Tag nach Vollmond. Kurzzeitig scheint der Krampf sich aufzulösen
und in die Oberschenkel abzufließen. Welch Gefühl der Wonne. Aber da
kommt schon der nächste Krampf. Im Abstand zum vorhergehenden zu kurz,
um sich wirklich aufzurichten. Eine schlechte Körperhaltung sagt man
ihr schon länger nach. An solchen Tagen hätten Haltungstherapeuten
wohl ihre wahre Freude an ihr.
„Also gut, keine Bonbons heute für mich.“ Die Hände auf den
Waschbeckenrand gestützt schaut sie in den Spiegel. „Oh bitte,
wenigstens Du könntest heute etwas freundlicher sein.“ Und dann
scheint es ihr doch etwas idiotisch mit dem Spiegel zu reden.
Letztendlich ist egal, was er zeigt. Es ändert nichts an der Tatsache,
dass es ein beschissener Morgen ist. Grob überschlagen dreizehn mal im
Jahr. Alle vier Wochen. Nichts neues also. Und doch erwischt sie es
immer wieder wie ein unvorhergesehner Tritt gegen das Schienbein. Sie
sollte sich daran gewöhnen. Wenn man sich an etwas gewöhnt und als
gegeben hinnimmt, verliert es den Überraschungseffekt, verliert sich im
Alltag, wird unwichtig. Über das Zähneputzen denkt auch kein Mensch
ernsthaft jeden Morgen nach. Aber das ruft sich auch nicht durch
Schmerzen in Erinnerung.
Müde tappt sie wieder Richtung Bett. Versinkt zwischen Decke und Kissen
und liegt regungslos da. „Nur nicht bewegen. Still liegen. Nicht daran
denken. Das wird schon. Das gibt sich. Das vergeht immer irgendwann. Bla
bla bla.” Vielleicht ist sie zu wehleidig. Das könnte es sein.
Sie jammert zu viel. Es interessiert eh niemanden außer sie selbst, was
dreizehn mal im Jahr da über sie hereinbricht. Der Lehrer mit dem sie
noch vor zwei Monaten aus war, blickte sie nur mitleidvoll an und
faselte etwas von natürlichem Zyklus, PMS und all solchem Kram. Jetzt
ist er still, zumindest ihr gegenüber. Innerhalb ihres natürlichen
Zyklusses und aufkommender PMS kurz vor Vollmond nahm sie sich die
Freiheit durchzudrehen und ihn abzuschießen.
Im Kühlschrank findet sie noch einen halben Liter kalte Milch. Die
hilft ihr immer, wenn sie einen Tag zuvor irgendwo in einer Kneipe mit
irgendwem versumpft ist. Nie könnte sie sich vorstellen, dann sich
einen glibbrigen Fisch durch die Kehle zu jagen. Oder gar eine von
diesen grässlichen Gurken, die einem sämtliche Magenschleimhäute
zusammen ziehen. Aber Milch hilft. Kalte gegen den Kater, warme wenn sie
nicht einschlafen kann. Früher hatte ihre Mutter ihr noch Tücher in
warme Milch gelegt und dann um den Hals gewickelt, wenn sie, wie so oft,
doch ohne Schal in den Schnee rausgestapft ist und der Winter schließlich
ihre Kühnheit von ihrem Hals abfordern wollte. Vielleicht sollte sie
die Milch besser warm machen.
Nach dem halben Liter der heißen Milch liegt sie wieder im Bett.
Versucht nicht zu atmen. Versucht, die Schmerzen durch anspannen des
Bauches zu vertreiben. Dann wieder durch entspannen. Nichts will helfen.
Die Schmerzen hämmern sogar im Kopf. „Oh wie nett, dass mir das
ausgerechnet an einem Sonntag passiert.“ Sonntage sind dazu da, nichts
zu tun. Sich von dem ganzen Mist der Woche zu lösen. Einfach mal nur zu
sein. Und irgendwer ist ab und an der Meinung, ihr dieses Recht
absprechen zu müssen. Ihr Großvater hatte einmal gesagt, dass wäre
die Schuld der Frau. Eva hätte dies heraufbeschworen, als sie sich
gegen Gottes Gebot richtete. Jede Frau sei Eva und müsse nun leiden.
Kinder unter Schmerzen gebären. Die monatliche Unreinheit sei der Fluch
Gottes. „Gott muss ein Mann sein,“ dachte sie. „Genau wie
Großvater es war.“ Großvater ... Als er starb erachtete sie es als
Unsinn, dazustehen und zu heulen. Er war alt und es ging ihm seit Jahren
dreckig. Warum sich also nicht für ihn freuen. Großmutter tat dies
auch. Nur von ihr sagten sie schon damals, sie werde allmählich etwas
sonderlich. Sie hielt sich den ganzen Tag nur noch im Garten hinter dem
Haus auf und redete mit den Vögeln. Einmal beobachtete sie ihre Großmutter
sogar, wie sie einen Baum umarmte und ihm für irgendetwas dankte. Ja
sonderbar war sie wirklich. Aber nicht erst seit dem Tod ihres Mannes.
Die anderen wollten es wohl nur nicht sehen. Und plötzlich erinnerte
sie sich, wie die alte Frau durch die Beete stapfte, da etwas säte,
dort etwas pflückte und immer wieder zum Himmel schaute. Die Kräuter
in ihrer Hand hing sie später in der kleinen Gartenhütte zum trocknen
auf. Es war, als sei der Garten ihr alleiniges Reich. Der Ort, an dem
sie einfach sie selbst sein durfte.
Am Ende dieses Gedankens ergreift sie ein neuerlicher Sturm dieser
stechenden Schmerzen. Wieder schleicht er sich bis in den Kopf und
versucht von dort nach außen zu gelangen. „Ich muss weiter denken,
denken, denken ...“ Großmutter also. Großmuter und Mutter. Irgendwo
mussten noch ein paar alte Bücher oder sonst so ein Kram hier
herumliegen. Warum hatte sie sich die Sachen eigentlich nie genauer
betrachtet ? Egal. Solch ein blöder Tag eignet sich wohl so oder so am
besten für derartiges. Denken und in Erinnerungen versinken.
Langsam durchwühlt sie einige Umzugskartons, die seit 3 Monaten der
Entleerung harren. Sie hasst diese Stadt, vielleicht ein Grund, warum
sie nie wirklich fertig wird in ihrer Wohnung. Aber den Mut, den letzten
Schritt zu tun und alles hinter sich zu lassen, bringt sie doch nicht
auf. Also stehen die Kartons da und mahnen sie in Momenten wie diesem,
sich zu entscheiden. Egal, nicht jetzt, nicht heute. Unter ein paar Plüschtieren
findet sie endlich, was sie sucht. Das große Erbe. Sie muss lächeln.
Ihre Mutter hatte ihr das einmal alles mit feierlichen Worten überreicht.
Kurz bevor sie letzten Sommer gegangen ist. Einfach so. Aufgestanden und
wieder zurückgefallen. Diagnose: Hirnblutungen. Aber vielleicht hat sie
es doch schon geahnt. Nun gut, dem körperlichen Schmerz nicht auch noch
seelischen hinzufügen.
Als sie noch da war, gab es solch schlimme Tage wie heute eigentlich
nicht. Wenn es ihr schlecht ging, fuhr sie zu Mutter und schaute sie nur
an. Legte Mutters Hände auf ihren Bauch und wartete. Ein Lächeln, ein
paar leise, kaum verständliche Worte und die Hände auf ihrem Bauch
machten jeden Tag zur lauen Sommernacht. Es war immer egal, was da half.
Hauptsache war, dass es dies tat. Helfen. Den Schmerz lösen. Überhaupt
hatte sie sich wohl nie sonderlich dafür interessiert, was ihre Mutter
tat. Die Arbeit im Garten hasste sie als Kind. Es konnte nichts
schlimmeres geben, als die blöden Möhren vom Unkraut zu befreien. Nur
manchmal genoss sie die Augenblicke, wenn ihre Mutter gedankenversunken
im Mondschein dasaß und stundenlang kein Wort sagte. Aber oft genug war
es ihr einfach zu langweilig. Daneben zu hocken und in den Himmel zu
starren. Vielleicht ist sie zu sehr Realistin. Egal ist mittlerweile
eines ihrer Lieblingsworte. Vielleicht ist das der Fehler in ihrem
Denken. Vielleicht geht es ihr deswegen so beschissen. Sie hatte sich
nie sonderlich darum gekümmert, warum das Blut sich durch solche
Schmerzen ankündigte. Sie hatte sich immer nur darum gekümmert, dass
es aufhörte weh zu tun, wenn sie fast nicht mehr denken konnte. Ein
Fehler im Denken impliziert vielleicht einen Fehler im gesamten System.
Ihrem System. Also Hände auf den Bauch. Bei Mutter hat es geholfen. Nur
drauflegen. Nicht versuchen, alles in eine andere Ordnung zu pressen.
„Oh wie schön, es ändert sich ........ gar nichts.“ Entmutigt
sinkt sie zurück ins Kissen.
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