Die Linde

 

 
 
*klick* ... Das war der Lichtschalter ... Wie jeden Abend wird er in Lindes Zimmer um 9 gedrückt. Schlafenszeit. Ein letzter Gute-Nacht-Kuß von Mutti und schon soll der Tag beendet sein. "Schlaf schön, mein Lindchen.", haucht sie ihrer Tochter ins Ohr. *klapp* macht die Tür und alles ist dunkel. Linde liegt in ihrem Bett und starrt an die Decke. Dort haben die Eltern kleine Glitzersterne geklebt, die noch eine Weile leuchten werden. 'Ich bin doch noch gar nicht müde', denkt das Mädchen. 'Wie einfach sich Erwachsene das mit dem Schlafen immer vorstellen. Ich werde ins Bett gelegt, aus das Licht, zu die Tür und schon soll ich schlafen .. hm.' Linde krabbelt wieder aus dem Bett und geht leise zum Fenster ... 'Und dann immer dieses "Lindchen", was soll der Name "Linde" überhaupt? So heißen doch nur Bäume, aber keine Menschen.' Etwas verärgert schaut sie in die Nacht hinaus. Am Himmel steht die Mondin dick und rund und lächelt dem Mädchen zu. Ihr Licht scheint Lindes Gedanken ein wenig aufzuhellen. Sie bemerkt den alten Baum vor dem Haus. Und plötzlich möchte sie wissen, wie er heißt. Aus dem Schrank kramt sie ihr Pflanzenbuch hervor und sucht. Sucht und sucht und dann .. ja .. das ist eine Linde. 'Wie sonderbar', denkt das Mädchen. 'Wo ich mir gerade heute wieder solche Gedanken wegen meinem Namen mache.' Sie schaut sich im Zimmer um ... nimmt ihre Hose und den Pulli. Schnell zieht sie sich an. Leise öffnet sie die Tür und schaut durch einen Spalt hinaus in den erleuchteten Flur. Auf Zehenspitzen schleicht sie sich am Wohnzimmer vorbei. Schnell noch die Schuhe an der Treppe angezogen und *schwupps* Linde steht in der Nacht. Zielstrebig geht sie auf den Baum zu. Leise singt der Wind in den Blättern. Das Mädchen setzt sich nahe dem Baum ins Gras und starrt ihn an. Plötzlich hört sie ein leises Rufen ... nur in ihrem Kopf. 'Komm doch näher', sagt die Stimme. warm und zärtlich klingt sie, vertrauensvoll. Linde schaut sich um. Sie sucht nach der Herkunft der Stimme. Irgendjemand muß doch dasein und diese Worte aussprechen. Aber eigentlich weiß sie, daß niemand außer ihr und dem Baum hier ist. Es ist Nacht. Und Mutter würde bestimmt nicht so freundlich zu ihr sprechen, wenn sie sie hier draußen entdecken würde. 'Nun komm schon, Du weißt, daß ich es bin, die zu Dir spricht.' Wieder hört Linde diese zarte Stimme und ein leises Kichern. Langsam, zögernd erhebt sie sich und geht zum Baum. "Was möchtest Du von mir?", flüstert sie. 'Oh, ich möchte nichts weiter, als daß wir uns endlich einmal kennenlernen. Schließlich tragen wir den gleichen Namen.' Linde erschrickt ein wenig. "Du kennst meinen Namen? Warum? Woher? Wer bist Du ?" 'Das weißt Du doch ... ich bin die alte Linde, die hier schon seit über 100 Jahren steht und dieses Haus beschützt.' Linde dreht sich zum Haus ihrer Eltern um. "Dieses Haus dort? Unser Haus?"  'Ja natürlich .. Deine Ahnen pflanzten mich einstmals hier, als sie das Haus erbauten. Sie sind schon lange tot. Aber wir Bäume leben länger als ihr Menschen und der  Wunsch Deiner Ahnen war, daß ich ihr Haus beschützen möge, in das immer neue Generationen einziehen würden. Nun, sie haben mir das Leben geschenkt und erhalten. So will ich auch das ihre erhalten.' "Das ihre erhalten? Du sagtest doch, sie wären längst tot.", erwidert Linde etwas ungläubig. 'Aber in jedem ihrer Nachkommen lebt ein Stück ihrer Selbst weiter. Schau doch in den Spiegel, schau Dir die alten Bilder an ... Du hast zum Beispiel sehr viel von Deiner Ur-Urgroßmutter.' Linde überlegt. Ihre Ur-Urgroßmutter ... wie lange muß das wohl schon her sein, als sie in dem Haus dort wohnte. Sie kannte sie nicht. Nur einige vergilbte Bilder, ähnlich kleinen Malereien, fanden sich noch im Zimmer ihrer Eltern. "Erzähl mir von ihr." Linde setzt sich unter das schützende Blätterdach des Baumes, durch das die Mondin mit silbernem Licht blinkt.
'Sie war eine sehr schöne Frau, kleines Mädchen', begann der alte Baum. 'Aber sie war nicht nur schön, sondern auch sehr klug.  Leider war es keine gute Zeit. Denn Deine Ur-Urgroßmutter war eine weise Frau und die wurden nicht gern gesehen. Nicht in der Öffentlichkeit.' "Eine weise Frau?", unterbrach Linde die Erzählung. "was ist eine weise Frau?" 'Weise Frauen verstehen sich auf vieles. Sie können zaubern, weißt Du?', fuhr der Baum fort. 'Sie konnte Schmerzen lindern, Krankheiten heilen, die Zukunft voraussagen ... Alles Dinge, die die Menschen brauchen und doch schämten sie sich, es zuzugeben. Wurde doch überall erzählt, daß die weisen Frauen böse sind und Tiere und Menschen ins Verderben stürzen, sie gar töten.' Linde fröstelte bei diesen Worten ein wenig und sie zog die Ärmel des Pullovers über ihre Hände. 'Eines Tages nun kam Deine Ahnin aus dem Haus dort, welches ihre Eltern erbauten und wandelte im Sonnenschein über die Wiese. Sie pflückte Blumen und ab und zu auch ein paar Kräuter. Plötzlich drang ein schrecklich lautes Gezeter zu ihr herüber. Menschen mit vor Zorn verzerrten Gesichtern rannten auf sie zu und umringten sie, ehe Linde sich wehren konnte.' Dem Mädchen war es, als lächelte der Baum, als er sagte 'Ja Du heißt nach ihr. Es ist ein guter Name, für eine weise Frau.' Sie lehnte sich an den mächtigen Stamm und schloß die Augen, während sie die Worte des Baumes in sich nachklingen ließ ... ' Es ist ein guter Name für eine weise Frau.'
'Das Rauschen der Blätter riß das Mädchen aus ihren Gedanken und der alte Baum erzählte weiter. 'Die Menschen rissen an ihren Kleidern und schrien auf Linde ein. Zu verwirrt war sie, um zu verstehen, was sie riefen. Aber ich stand hier und mußte es mit ansehen. "Du Hexe, Du verdammte alte Hexe" brüllten sie ihr ins Gesicht. Linde brach in Tränen aus. Was um der Götter Willen hatte sie denn so schreckliches getan, daß diese Menschen so gemein zu ihr waren? Man findet keine Antwort, wo es keine gibt. Sie zerrten die junge Frau mit ins Dorf. Dort warteten bereits der Gemeindevorsteher und andere wichtige Leute des Dorfes. Linde schaute verwirrt und ängstlich um sich. Am Wegesrand erblickte sie viele Menschen, denen sie schon geholfen hatte. Sie lächelte ihnen zu, hoffte auf etwas Hilfe. Doch diese drehten ihre Köpfe zur Seite ... und schwiegen. Der Gemeindevorsteher sah ihr mit versteinertem Gesicht entgegen und begann: "Frau, Dir wird vorgeworfen, das Kind von Bauer Jonas nach der Geburt gegen einen Wechselbalg eingetauscht zu haben. Was hast Du dazu zu sagen?" Lindes Miene verfinsterte sich etwas. Sie richtete sich auf und sah dem hohen Herrn fest in die Augen. "Ich soll es vertauscht haben? Gleicht dieses Kind nicht dem Angesicht des Bauern? Wenn so wäre, so fiele es Euch reichlich spät auf. Ich half dem kleinen Wesen vor nunmehr 6 Jahren auf die Welt. Vielleicht solltet Ihr nicht mir den Vorwurf machen, sondern dem Bauern selbst. Ein Kind hat eine gar zarte Seele. Lieblich und leuchtend. Behandelt man sie nicht gut, so verkümmert sie. Geht langsam ein, welkt dahin wie ein zartes Veilchen. Seht es Euch an. Es mag nicht recht sprechen, es mag nicht recht spielen. Es mag nicht gern die Nähe anderer Menschen ... und doch weilt es des öfteren beim Lindenbaum vor unserem Haus. Es hat sich irgendwo ein kleines Nest gebaut. Ein geheimer Ort, an dem es glücklich sein darf. An dem es einfach nur Kind sein darf. Ihr wißt sowenig über das Kind. So herzlich wenig. Doch ihr versucht auch nicht, es zu verstehen. Lieber glaubt Ihr, daß es kein richtiges Kind ist. Fragt doch einmal den Bauern selbst, wie es bei ihm aufwächst. Ihr alle wißt, was er für ein Mensch ist. Hart und ungerecht. Mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden. Kein guter Gefährte auf dem Weg dieses Kindes." Linde endete, jedoch schaute sie den Anwesenden abwechselnd tief in die Augen. Hinab in deren Seelen. Schweigen machte sich breit. Es schien, als ob sogar der Wind sein Lied beendet hatte. Die Sonne brannten auf die nachdenklichen Gesichter der Menschen. Doch niemand rührte sich. Niemand wagte es, den Blick zu senken. Plötzlich rannte das Kind zu Linde und schlang seine kleinen Arme um ihre Hüfte. Vergrub sein Gesicht in ihrem Rock. Ein Raunen und Gemurmel ging durch die Menge und auf den umliegenden Bäumen begannen die Vögel föhlich zu zwitschern. Der Gemeindevorsteher setzte eine strenge Miene auf. "Ihr habt gut gesprochen, Frau. Nun liegt es an mir, dies zu prüfen. Bauer Jonas, was habt Ihr dazu zu sagen?" Der Bauer trat mit gesenktem Kopf hervor. Zwischen seinen Händen hielt er zitternd seine Mütze. "Ich .. also ich war immer schon davon überzeugt, daß diese  alte Hexe böses mit meinem armen Kinde tat. Vielleicht hat sie es nicht vertauscht, so hat sie es doch aber verhext. Ist es doch so anders als Eure Kinder." Noch immer starrte er auf den Boden. Seine Finger wurden weiß, so drückte er sie in seine Mütze. Wieder erhob Linde das Wort. "Andersartigkeit ist nichts schlechtes, wehrter Herr. Und ich pflege niemanden zu verzaubern .. einfach nur so, weil mir gerade danach ist. Ihr selbst holtet mich damals und saht den schweren Schmerz Eurer Frau. Sie konnte ich nicht hierhalten. Ihr Lebensfaden wurde getrennt. Es war an der Zeit. Aber Euer Kind, das konnte ich herüber holen. Nicht an schlechte Zauberei solltet Ihr glauben. Glaubt an das Leben. Glaubt daran, daß ein Teil Eurer geliebten Frau in Eurem Sohne weiterlebt." Dicke Tränen tropften in den Sand. Bauer Jonas vergrub sein Gesicht in den Händen. Schluchzend erwiederte er: " Es ist seine Schuld, daß meine liebe Frau nicht mehr unter uns weilt. Es ist allein seine Schuld. Wäre er nicht da, so würde sie noch leben. Ich würde ihr Lachen hören. Das Rauschen ihres Kleides, wenn sie durch die Zimmer geht. Das Feuer in ihren Augen sehen. Warum nur hat sie mich zurückgelassen?" Ein mildes Lächeln huschte über Lindes Gesicht. "Macht Eure Augen zu, Jonas und versucht zu sehen. In Euch selbst. Ihr wißt, daß alles seine Zeit hat. Alles wird geboren und stirbt irgendwann, damit es wiedergeboren werden kann. Ein ewiger Kreislauf. Ein guter Kreislauf. Gehe hin zu dem Platz, an dem die Blumen für Deine Frau liegen und sprich noch einmal mit ihr. Und dann gehe zu Deinem Sohn. Nimm ihn zu Dir und vertraue auf Dich selbst. Lege den Nornen bessere Fäden für Dein Schicksal in die Hände." Noch einmal schaute Linde die Anwesenden an. Dann drehte sie sich um und ging langsam ihres Weges. Sie ging zurück zur Wiese, sammelte die zerdrückten Blumen auf und ging ins Haus.'
Nur noch der Wind singt leise in den Blättern des alten Baumes. Kühle Nachtluft läßt das Mädchen sich noch fester an den Baum drücken. Nach einer Weile des Schweigens fragt sie: "Was ist aus dem Kind geworden. Und warum war es so anders?" 'Es war nicht glücklich, kleine Linde, weil sein Vater nicht glücklich war. Aber er hat gelernt zu sehen. Er sprach mit seiner Frau, machte seinen Frieden mit ihr. Und dann war er ein guter Vater. Irgendwann gab es die 6 traurigen Jahre im Leben dieses Kindes nicht   mehr. Es war einfach nur noch glücklich. Und es lebte. Zusammen mit seinem Vater.' Linde überlegt. "Es lebte? Ja wollte der Junge das denn nicht mehr?" 'Es ist ein Unterschied, kleines Mädchen, wie man lebt. Ein Leben in Trauer, Angst und Verzweiflung ... das ist kein richtiges Leben. Erst wenn die Sonne scheint, das Licht der Mondin tief in Deine Seele dringt, Du die Farbenpracht der Blumen siehst, die Wärme Deiner Eltern spürst ... erst dann kannst Du wirklich leben'
Linde ist es, als hätte der Baum bei den letzten Worten die Augen geschlossen. Sie weiß, daß es an der Zeit ist, schlafen zu gehen. Langsam steht sie auf, geht zum Haus und schleicht sich hinein. In ihrem Zimmer geht sie noch einmal zum Fenster. Die Mondin ist weitergezogen. Aber die alte Linde steht vor ihrem Fenster, groß und stumm. "Gute Nacht", flüstert das Mädchen und kriecht in sein Bett. "Aufstehen mein Lindchen ... komm der Tag ist schon lange wach." Wie von Ferne hört Linde diese Worte. Etwas kitzelt an ihrem Ohr. Langsam öffnet sie die Augen und sieht ihre Mutter vor sich. "Kann ich nicht noch etwas schlafen?", brabbelt sie ihrer Mutter entgegen. Die bricht in lautes Lachen aus. "Aber Lindchen, mein Lindchen ... sieh doch, die Sonne guckt schon durch Dein Fenster. Das Mittagessen steht auf dem Tisch. Komm, zieh Dich an." Linde ist plötzlich hellwach. "Das Mittagessen steht auf dem Tisch? Wieso das Mittagessen?", fragt sie verwundert. "Du hast solange geschlafen, mein kleines Sternchen." sagt Mutter lächelnd. Linde erinnert sich ... sie springt auf und geht schnell zum Fenster. Ja .. der Lindenbaum .. 'Oh, ob Mutter wohl etwas mitbekommen hat? Ob sie mir böse ist?' Linde dreht sich um. Mutter steht immer noch lächelnd da "Alles hat einen Sinn, Lindchen und nun komm."
Zögernd zieht sich das Mädchen an und schaut seiner Mutter verwundert nach ....

 
 
Text von Wiborada Sylvia Hildebrandt

 

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