Das Nachtlager

 

 
  Immernoch rennt er aufgeregt durch die Wohnung. Immer wieder findet er etwas, was weggewischt, umgestellt oder geordnet werden muß. Ein Blick in den Kühlschrank bringt ihm die Gewissheit, dass er an alles gedacht hat. Unmengen an Geld hat er in das Essen investiert. Und den Wein. Er hat weißen gekauft. Halbtrocken. So kann er nicht viel falsch machen. Sie wird ihn trinken, egal, was sie sonst bevorzugt. Denn halbtrocken ist schließlich die Mitte. Der Abend wird perfekt verlaufen. Geplant bis ins kleinste Detail. Kerzen, romantische Musik, das Essen, der Wein. Sie wird ihm nicht wiederstehen können. Im Bad duscht er länger als gewohnt. Nimmt den besten und teuersten Duft, den er finden kann und legt ihn sich auf seine Haut. Sein Haar zwingt er mit etwas Gel in eine Form, wie er sie an Schauspielern alter Filme gesehen hat. Sie wird es lieben. Alle Frauen lieben alte Filme .. und die Schauspieler. Dieser toten Romantik wird er heute wieder Leben schenken.  Er liebt sie. Und er liebt die Frau, die er erwartet. Am Tag, als er sie in seiner Eile fast umrannte, begann er sie zu lieben. Er kam von einem Termin und hetzte zu einem Termin. Und sie stand plötzlich im Weg. Stand da und aß ein Eis, die Augen ins Nichts gerichtet.  Dieser plötzliche Stop in seiner Hast, riss ihn aus seinen Gedanken. Er stand vor ihr, unfähig auch nur eine Entschuldigung zu stammeln und starrte in ihre dunklen Augen. Sie lächelte, drehte sich um und ging. Einfach so. Ohne ein Wort zu sagen, ohne aufzuhören, ihr Eis zu essen. Und da begann er sie zu lieben. Einige Tage später traf er sie im Park. Sie saß im Schneidersitz mitten auf dem Weg. Einfach so. Ohne sich darum zu kümmern, daß es ein Weg war. Er setzte sich etwas abseits neben sie. Auf die Wiese. Ihm war es wichtig, daß es eine Wiese war.  Sie zündete sich eine Zigarette an. Nahm einen langen, tiefen Zug und ließ den Rauch langsam wieder aus ihrem Mund entweichen. Er schaute ihr zu und spürte das Verlangen in sich, diesen Mund einmal zu küssen. In seiner Tasche fand er seine Zigaretten. Eigentlich wollte er aufhören zu rauchen. Es war zu ungesund. Aber der chronologische Verlauf der Stunden ließ ihm keine Zeit dazu. Also rauchte er. Tage wie diese mochte er nicht sonderlich. Es gab nichts zu tun. Nicht für ihn. Und er spürte, daß er allein war. Er mochte diese Einsamkeit nicht, die ihn zwang, mit sich selbst allein zu sein. Darum war er im Park. Hier tummelten sich viele Menschen. Und er sog die Gesellschaft Fremder in sich auf. Ihr Lachen, ihre Worte. Mit der Zeit wurden sie immer zu den seinen. Er fühlte, daß er ein Teil dieser Menschen war. Irgendwann ging er zu ihr hinüber. Stellte sich neben sie und während er noch überlegte, wie er sie ansprechen könnte, brach sie in ein helles Lachen aus. "Störe meine Kreise nicht", sagte sie. Wieder war er unfähig, auch nur ein Wort zu reden. Wieder starrte er nur in ihre dunklen Augen. Und wieder war sie es, die ging. Sie erhob sich, schaute ihn lächelnd an, drehte sich um und lief den Weg entlang. Einfach so. Die Gewissheit, sie wieder zu verlieren, ließ ihn ihr nacheilen. Hastig sprach er sie an. Seine Stimme überschlug sich fast. Hinterher machte er sich Vorwürfe, daß er wohl nicht die rechten Worte gewählt hatte. Aber dieser Augenblick ließ sich so furchtbar schlecht vorher planen. Er bat sie, ihn anzurufen. Gab ihr seine Nummer. Sie lächelte ihn an und nahm sie. "Wirst Du anrufen?", fragte er vorsichtig. "Nein", antwortete sie. Er erschrak. Sein Magen zog sich gefährlich zusammen. In seinem Kopf hämmerte ihr Nein gegen seine Schläfen. Immer und immer wieder.  Zwei Verliebte schlenderten den Weg entlang, drängten sich an den beiden vorbei. Sehnsüchtig schaute er ihnen nach. Sie jedoch ging hinüber zu einem Baum und setzte sich in dessen Schatten. Langsam folgte er ihr und lehnte sich gegen den Stamm. Allmählich fand er seine Fassung wieder. "Ich liebe Dich", sagte er zu ihr. Sie sah ihn an und erwiderte: "Ich weiß." "Wirst Du mich anrufen?", fragte er noch einmal. "Nein", antwortete sie wieder.  Er setzte sich. Obwohl sich ein Gefühl von Angst in ihm breit machte, daß sie dieses Wort noch einmal aussprechen könnte, jenes Wort, daß sich in jeder Zelle seines Körper bereits festgesetzt hatte, unternahm er noch einen Versuch. "Dann laß mich Dich anrufen." Fast unmerklich zog er den Kopf etwas zurück. Und wartete. Nach unzähligen Telefonaten und Treffen im Park, bei denen meist nur er redete, ist heute der Tag, an dem sie ihn zum ersten Mal besuchen wird.  Er hört das Ticken der Uhr. Beobachtet, wie sich die Zeiger kriechend über das Ziffernblatt bewegen. Tick, tick, tick. Dieser Gegensatz der Zeit zu seiner Unrast wird ihm plötzlich bewußt. Er nimmt sich eine Zigarette und raucht nervös. Wie immer. Die Türklingel reißt ihn aus seinen Gedanken. Hastig drückt er die Zigarette aus, eilt noch einmal zum Spiegel. Alles ist perfekt. Gespielt lässig öffnet er die Tür. Sie tritt mit einem Lächeln ein. Stellt ihren Rucksack neben die Gaderobe und haucht ihm einen Kuß auf die Wange. Seine Aufregung verbergend führt er sie ins Wohnzimmer. Bietet ihr einen Platz an und ist schon auf dem Wege, den Wein zu holen, als sie fragt: "Hast Du Cornflakes?". Verwirrt wendet er sich um. "Cornflakes?" "Ja ich hab Hunger", entgegnet sie. Er denkt an das Essen, daß er extra für sie zubereitet hat, bringt ihr dann aber eine Schüssel Cornflakes mit Milch. Verunsichert schaut er ihr beim Essen zu. "Ich habe Wein mitgebracht", sagt sie in die Stille, während sie das Zimmer mustert. "Das wäre nicht nötig gewesen", entgegnet er ihr etwas verstimmt. "Ich weiß", sagt sie und schaut ihm lächelnd in die Augen. Ihr Blick läßt einen warmen Schauer über seine Haut fließen. Die Sehnsucht nach ihren Lippen schnürt ihm die Brust zu. Seine Unfähigkeit, sich ihr gegenüber wirklich auszudrücken, wird ihm schlagartig bewußt. Sie geht in den Flur und holt ihren Rucksack. Daraus entnimmt sie drei Kelche. Und eine Flasche roten Wein. Er sitzt noch immer da. Sie beobachtend. Nicht in der Lage, seinen alten Plan in die Tat umzusetzen. "Du wolltest sicherlich Kerzen anzünden. Tu es.", sagt sie bestimmt. Mechanisch erhebt er sich und holt die Kerzen aus der Küche. Verteilt sie im ganzen Raum und entzündet sie. Eine nach der anderen. Schweigend. Sie öffnet den Wein und gießt etwas davon in zwei Kelche. Verwirrt schaut er wieder zu ihr. Sie löscht das Licht und setzt sich mit den Kelchen auf den Boden. Zögernd tut er es ihr gleich. Nach einer endlos scheinenden Weile des Schweigens flüstert sie: "Jetzt ist es gut. Jetzt fängst Du an zu sehen ... und zu sprechen. Jetzt kannst Du mich fühlen." Er starrt auf den Teppich, dessen Muster langsam endet, sich in seinen Kopf einzuschreiben. Tanzende Quadrate finden sich zu einem Kreis zusammen. Lassen seinen Kopf in die Leere driften. Allmählich beginnt sie, ihre Kleidung abzulegen. Stück für Stück läßt sie zu Boden gleiten. Ohne dabei den Blick von ihm zu wenden. Er spürt ihre dunklen Augen auf seinem Gesicht. Da beginnt auch er, sich zu entkleiden. Stumm folgt er ihren Bewegungen und nimmt sie als die seinen an. Noch immer fühlt er sich in der eigenen Unfähigkeit zu sprechen gefangen. Die Zeit hat ihre Bedeutung verloren. Eigentlich das Schlimmste, was ihm passieren kann. Er fühlt sich nackt. So nackt, daß es beginnt, ihn zu schmerzen. Das Ticken der Uhr, das ihn immer verunsichert und doch eine Art von Geborgenheit ist, schien verstummt. Er will sich umdrehen, seine Geborgenheit zu suchen. Doch kann er den Blick nicht von ihrer nunmehr entblößten weißen Haut lassen. Zu sehr fühlt er sich schon in ihrem Bann. In diesem Bann beginnt er sich mit einem mal wohl zufühlen. Er sieht förmlich, wie die Schmerzen seiner eben noch so unglücklich empfunden Nacktheit in das Muster des Teppichs übergehen. Und er kann die Stille hören. Einfach so. Zum ersten Mal wird ihm bewußt, daß man Stille wirklich hören kann. Sanfte Wellen durchfahren seinen Körper. Sein Magen zieht sich zusammen. Versucht sich zu wehren, sich gegen dieses Wohlgefühl zu stemmen. Aber er genießt längst die sich ausbreitende Einsamkeit. Eine bisher nicht gekannte Einsamkeit. Denn er findet sich darin nicht allein. Sie ist da. Ihr Mund. Und ihre weiße Haut. Ihm scheint, als leuchte ihr Haar im Licht der Kerzen. Und dann ist ihr Haar selbst das Licht der Kerzen. "Was tust Du mit mir?", fast erschrickt er selbst, als diese Worte über seine Lippen fließen. In die Stille eindringen und eins mit ihr werden. "Ich tue nicht viel. Nur Dir Deine Liebe zurückgeben .... und die Stille schenken." Ihr offenes Lächeln geht in ein geheimnisvolles Schimmern ihrer Lippen über. Sie nimmt den dritten Kelch ... geht etwas in die Knie und hält ihn zwischen ihre Schenkel. Wieder spürt er Verwirrung in sich aufsteigen. Ohne es zu wollen, verzieht er das Gesicht. Versucht, düstere Gedanken des Kommenden zu unterdrücken. Dann verfolgt er mit weit aufgerissenen Augen, wie ihr Blut in den Kelch tropft. Kleine Kugeln eines tiefen, dunklen Rots sammeln sich im Silber des Gefäßes. Fasziniert beobachtet er ihr Tun. Geht langsam zu ihr hinüber. Zu gern möchte er sie berühren, möchte es selbst sein, der den Kelch hält. Ihr Blick läßt ihn stoppen. Sie richtet sich auf. Steht da mit leicht geöffneten Beinen, an denen sich kleine, fast schwarze Rinnsale den Weg zum Boden suchen. Ihre Hand nimmt einen der mit Wein gefüllten Kelche und läßt etwas von ihrem Blut hineinfließen. Plötzlich sieht er ein Messer in ihrer Hand. Seine Faszination weicht seiner Furcht. Kälte kriecht durch seine Adern. Vermischt sich mit der Glut seiner bis soeben noch lodernden Lust. Die Angst von dem Ungewissen, der Gedanke eines unerwarteten Endes läßt ihn vor Kälte zittern. Läßt ihn in sich selbst winden. Seine Augen öffnen die Türen zu seiner Seele. Hilflos und zitternd steht er im Schein der unzähligen Kerzen, auf das Messer in ihrer weißen Hand starrend. Langsam geht sie zu ihm. Er versucht zurückzuweichen. Es gelingt nicht. Seine Beine, seine Arme haben ihm den Dienst versagt. Er kann nichts, außer dastehen und sie mit entsetzten Augen anzublicken. Innerlich schon um sein Leben zu bitten, vor ihr auf die Knie fallend und sich selbst bedingungslos zu entblößen.  Sie drängt sich an ihn. Ihr Duft raubt ihm das letzte Stück seines klaren Verstandes. Ihre Nähe, ihre plötzlich so unsagbar nahen Lippen lassen ihn schwindeln.  Und dann küßt sie ihn ... zärtlich berührt sie seine Lippen mit den ihren. Ist bedacht, daß sich beider Küsse zu EINEM sanften vereinen. Mit festem Griff umklammert sie seinen Arm und zieht ihn zu Boden. Die Gier seiner Seele nach dieser Frau ist stärker als Angst und die Kraft seiner Gedanken.  Er sieht sie über sich, so wie er es sich erträumt hatte und doch ist es ganz anders. Ihr Haar streichelt sein Gesicht, als sie sanft einen Kuß auf seine Wange haucht. Zärtlich berührt sie seine Augen mit ihren Lippen. Läßt ihre Zunge über sie gleiten. Er spürt etwas kaltes am Handgelenk seiner linken Hand. Spürt einen kurzen Schmerz, der seine Lust nach ihr in aller Süße eine bisher ungeahnte Art von Leidenschaft erblühen läßt. Heiß rinnt etwas über seine Hand. Sie nimmt den anderen Kelch mit dem Wein, hebt ein wenig seinen Arm und läßt sein heißes Rot hineinfließen. Bis es sich mit dem Wein vermischt. Seine Neugier läßt ihn den Kopf heben. Er sieht, wie dicke Tropfen seines Blutes über seine Haut kriechen und er sieht, wie ihre Lippen sich seiner Haut nähern, um das Rot zu stoppen. Ungeahnte Ruhe macht sich in ihm breit. Zarte Schauer durchlaufen seinen Körper. Vereinigen sich im Kopf zu einem schillernden Reigen, der durch seine Augen hinaus ins Licht der Dunkelheit dringt. Wie ein sanfter Hauch, legt sich ein Kuß auf sein Schlüsselbein und dringt tief durch seine Haut hinab zu seiner Seele. Ihre Zunge gleitet hin zu seiner Brust. Zärtliche Bisse erinnern ihn an jenen süßen Schmerz, vor dem er sich so sehr fürchtete und der ihm doch fast vor schier unfassbarer Schönheit die Sinne raubte. Er fühlt, wie sie ihm etwas in die Hand drückt. Den Kelch ... mit Wein, vermischt mit ihrem Blut. Fast ruckartig richtet er sich auf, ihre Augen suchend. Sie kniet vor ihm. Mit ihrer weißen Haut und dem dunklen Rot zwischen ihren Schenkeln, den Kelch haltend, in den sein Blut geflossen ist. Versunken, verloren in ihrem Blick führt er den Kelch zum Mund ....  
 
 

Text von Wiborada Sylvia Hildebrandt

 

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