Spiegel

 

 
 


Wieder ein Spiegel. Welcher Idiot hat so etwas erfunden. Und wozu ? Was soll der Sinn darin sein ? Ist es nur, um die kleinen Eitelkeiten des Ichs zu nähren ?
Betrachten wir also einen Spiegel. Es ist kaum möglich den Spiegel als solches allein zu betrachten, weil man sich selbst fast ständig darin sieht. Nun, man kann ihn so zur Seite drehen, dass man sich selbst nicht sieht. Aber dann sieht man das, was einen umgibt. Und das was einen umgibt, ist wohl schon wieder ein weiterer Spiegel des eigenen Ichs. Die Bücher die man liest, sind Spiegel. Die Blumen in der Vase ... Spiegel. Dinge also, mit denen man sich beschäftigt, sind Spiegel. Auch Dinge, mit denen man sich nicht beschäftigt ? Und es in dem Augenblick doch tut, in dem man überlegt, dass man sich mit ihnen nicht beschäftigen mag . Überall also glotzt man sich ins eigene Gesicht immer wieder. Mal schmeichelt einem das was man sieht. Meistens ist man unzufrieden. Will etwas anderes. Außergewöhnliches. Aber wir betrachten den Spiegel. Nun es ist möglich, für ein paar Augenblicke sein Gesicht daraus zu verbannen. Zumindest kann man sich es einbilden. Wie man sich viele Dinge einbilden kann. Mann muß sie nur immer wieder zu sich selbst sagen und dran glauben. Am schwersten ist es doch noch immer, sich selbst zu belügen. Denn da hat man eine Lüge, an die man nun glaubt und zweifelt daran, ob es Lüge oder Wahrheit ist. Ob die Umstände nicht für sich sprechen oder ob man einfach nur will, dass etwas so ist wie es ist oder nur zu sein scheint. Wenn das Gesicht nun mittels Einbildung aus dem Spiegel verschwindet, kann man sich die Oberflächenbeschaffenheit eben jenes Gegenstandes betrachten. Silber. Und doch nicht. Gibt es eigentlich eine wirkliche Bezeichnung für die Oberfläche ? Ich meine .. eine Bezeichnung, in der nicht Spiegel vorkommt ? Die Oberfläche ist glatt, spiegelglatt. Da ist es wieder. Ein ewiger Kreis. Es beginnt mit dem Spiegel .. es endet mit ihm. Wie war es, als es noch keine Spiegel gab. War alles ruhiger ? Zufriedener ? Nun man starrte wohl ins wasser und hoffte, dass kein Windhauch die Wasseroberfläche ( mit welchem Wort lässt sich die Wasseroberfläche eigentlich beschreiben?) berührte und schaute sich an. Wenn man nah genug ranging, sah man sich auch. Wozu ? Nun da sind sie also doch .. die Eitelkeiten des Ichs.
Spiegel hängen meistens an Wänden herum. Verstauben. Irgendwann werden sie alt. Man nennt das wohl .. der Spiegel ist blind. Konnte er denn vorher wirklich sehen ? Vielleicht ist er aber auch das Einzige Wahre, das einzige, was wirklich sieht. So ein Spiegel hat keine Möglichkeit, sich etwas vorzumachen. Man stellt sich davor, mutet der Oberfläche sein Gesicht oder sonst was zu und der Spiegel muß es über sich ergehen lassen. Und manchmal .. plumps .. fällt man in einen solchen Spiegel hinein. Lautes Gepolter (vorausgesetzt, der Spiegel war groß genug), Scherben, Dreck. Wer abergläubisch ist, versucht sämtliche Methoden, um in den kommenden sieben Jahren das unvermeidliche Pech abzuwehren. Warum bringt es Unglück, wenn ein simpler Gegenstand zerkracht ? Wahrscheinlich waren die Dinger früher so teuer, dass man sieben Jahre arbeiten musste (vorausgesetzt man verdiente auch was), um das blöde Teil beim Besitzer bezahlen zu können. Bei Ikea gibt’s Spiegel für 5 Mark. Heute muß sich also niemand mehr dafür abrackern. Man hängt ihn an die Wand und schaut jedes Mal, wenn man an ihm vorübergeht automatisch hinein. Dann sieht man, dass man nach eigenem Ermessen mal wieder fürchterlich um die Haare herum aussieht. Rennt zum nächsten Spiegel und zwingt sie in irgendeine idiotisch anmutende Form, nur um sich besser zu fühlen.

 
 

Text von Wiborada Sylvia Hildebrandt

 

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